11.09.2012: Fliessende Grenzen. Exkursion zur dOCUMENTA 13

Vor dem Fridericianum hatte die Occupy-Bewegung ein Lager aufgeschlagen, als Gegendemonstration zur dOCUMENTA 13
Vor dem Fridericianum hatte die Occupy-Bewegung ein Lager aufgeschlagen, als Gegendemonstration zur dOCUMENTA 13

Nach einer von allen Teilnehmern gelobten Fahrt der Jungen Akademie zur documenta 12 im Jahr 2007 fand am 3. und 4. September 2012 eine Neuauflage dieser Exkursion nach Kassel unter dem Motto „Fließende Grenzen“ statt.

Die dOCUMENTA 13 hatte schon vor Ihrer Eröffnung für Aufsehen gesorgt, da deren künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev einen erweiterten Kunstbegriff ausgegeben hatte. In einem SZ-Interview wurde sie gefragt: „Gibt es keinen Unterschied zwischen menschlicher Kunst und tierischen Erzeugnissen“, woraufhin sie antwortete: „Nein, absolut nein! Das ist eine menschenzentrierte Sicht.“ Und auf die Frage „Kann alles auf der Welt Kunst sein?“ erwiderte sie: „Alles kann Material für die Kunst sein. Die Definition von Kunst, so wie ein Künstler über Kunst denkt, ist nicht in den Grenzen der Disziplinen zu denken. Ich denke nicht, dass die Werke der Menschen besser sind als andere Werke.“

Auf der Grundlage dieser Konzeption hatte sich die dOCUMENTA 13 auf die Fahnen geschrieben, Überschreitungen klassischer Kunstgrenzen in alle Richtungen zur Schau zu stellen: neben den Werken von Künstlern und Künstlerinnen sollten auch die Werke/Produkte aus den Bereichen der Naturwissenschaft, des Computers oder der Politik gezeigt werden, außerdem wurde ein Skulpturenpark für Hunde angelegt sowie ein Garten, der Schmetterlingen (und nicht Menschen) gefallen sollte.

Sandra Ortmann führte die Gruppe fachkundig durch das Fridericianum; im Hintergrund ein gewebter Wandteppich
Sandra Ortmann führte die Gruppe fachkundig durch das Fridericianum; im Hintergrund ein gewebter Wandteppich

Mit diesem Vorwissen und gespannten Erwartungen begaben sich acht Kunstinteressierte aus verschiedensten Fachrichtungen dann am 3. September zur dOCUMENTA, um sich einen eigenen Eindruck der ausgestellten zeitgenössischen Kunst zu verschaffen. Nach Ankunft und Mittagessen erhielt die Gruppe eine zweistündige offizielle dOCUMENTA-Führung durch das Museum Fridericianum unter fachkundiger Anleitung von Frau Sandra Ortmann, die Mitglied im Auswahlgremium der diesjährigen dOCUMENTA war und dementsprechend gut Auskunft über die Ausstellung geben konnte. Neben Ausführungen zu den vier Hauptaspekten, unter die Carolyn Christov-Bakargiev die dOCUMENTA gestellt hatte – Belagerung, Rückzug, Hoffnung/Träumen, Auf-der-Bühne-Stehen/Freude – erklärte Frau Ortmann zunächst auch Bezüge zu den auswärtigen Ausstellungsorten der dOCUMENTA: Kabul/Afghanistan, Alexandria und Kairo in Ägypten sowie Banff/Kanada. Interessant waren auch die Verbindungsstränge zu den ersten documenten, was beispielsweise anhand mehrerer Ausstellungsstücke zu sehen war, die aufgrund einer Fotovorlage aus dem Jahr 1959 – dem Jahr der zweiten documenta – im selben Raum des Fridericianums an exakt derselben Stelle wieder gezeigt wurden. Erstaunlicherweise zeigte die Fotovorlage die Ausstellungsstücke ohne jeglichen Sicherheitsschutz sowie eine Besucherin mit überdimensionaler Handtasche und barfuß – drei Aspekte, die bei heutigem Museumsbesuch undenkbar erscheinen. Die Gruppe vermutete daraufhin, dass zum damaligen Zeitpunkt die Kunst so modern und ungewohnt war, dass keiner auf die Idee gekommen wäre, diese aus der Ausstellung zu stehlen und mit nach Hause zu nehmen. Die Verbindung zwischen alter und neuer documenta, so Sandra Ortmann, solle eben auch verdeutlichen, wie sich zum einen die Darstellung und zum anderen die Wahrnehmung von Kunst verändert habe.

Im Nordflügel des Hauptbahnhofs wurde eine komplett aus Holz gefertigte Nähfabrik samt geschneiderten Anzügen gezeigt
Im Nordflügel des Hauptbahnhofs wurde eine komplett aus Holz gefertigte Nähfabrik samt geschneiderten Anzügen gezeigt

Der sich anschließende Rundgang durch das Fridericianum brachte der Gruppe dann verschiedenste Werke unterschiedlicher Künstler und Künstlerinnen näher, die oft eine Verbindung von „alten“ Techniken mit „neuen“ Motiven darstellten, teilweise sehr politisch motiviert waren und aus allen Erdteilen stammten.

Eine baktrische Prinzessin, Turkmenistan ca. 2500 v. Chr.
Eine baktrische Prinzessin, Turkmenistan ca. 2500 v. Chr.

Nach kurzer Pause und Abendessen besuchte die Gruppe eine Abendvorstellung im Gloria-Kino, die im Rahmen der dOCUMENTA mehrere afghanische Kurzfilme und einen Langfilm zeigte; in den Pausen war eine Diskussion mit Martin Gerner, einem Afghanistan-kundigen Filmschaffenden und ehemaligen Deutschlandfunkredakteur, möglich. Die Kurzfilme „The Wall“, „The Toilet“, „Angels of the Earth“ und „Reel – Unreel“ des Jump Cut Collective, eines Kreises junger, teils noch studentischer Filmemacher aus Kabul, zeigten die unkonventionellen Ideen des noch recht neuen afghanischen Kinos und gleichzeitig die leider manchmal noch recht begrenzten Möglichkeiten deren Umsetzung. Der Langfilm „Khakestar“ erzählte in westlicher 80er-Jahre-Optik die Geschichte eines Mannes, der aufgrund von Schmerzen und Depressionen wegen seines rechten amputierten Beins anfängt, Drogen zu nehmen, in Wahnvorstellungen verfällt und schließlich die Mitglieder des ihn versorgenden Drogenrings und sich selbst umbringt. In den Diskussionen mit Martin Gerner wurde vor allem die Problematik der Finanzierung von afghanischen Filmen deutlich, da manche Geldgeber vorgegebene Themen verwirklicht sehen wollen, damit aber die künstlerische Freiheit beschneiden.

Die Skulptur von Stephan Balkenhol, die für Ärger bei der dOCUMENTA-Leitung sorgte
Die Skulptur von Stephan Balkenhol, die für Ärger bei der dOCUMENTA-Leitung sorgte

Nach diesen ersten Eindrücken stand der gesamte Dienstagvormittag zur freien Verfügung, um die vielen verschiedenen bespielten Orte der dOCUMENTA auf eigene Faust zu erkunden. Während die einen die ausgestellte Kunst auf dem großen Areal des Hauptbahnhofs/Kulturbahnhofs besichtigten, zog es andere in die Orangerie, in das Ottoneum/Naturkundemuseum, die documenta-Halle, die Neue Galerie oder verschiedene Einkaufshäuser, in denen die dOCUMENTA teilweise sehr subtil Kunstwerke „versteckt“ hatte. Um 14:30h war dann wieder gemeinsamer Treffpunkt die Kirche St. Elisabeth schräg gegenüber des Fridericianums, wo wir mit dem Künstler und Karlsruher Professor Stephan Balkenhol zum Gespräch verabredet waren.

Zur Vorgeschichte: Stephan Balkenhol ist als Bildhauer besonders für seine Darstellung von Menschenfiguren bekannt, denen er bewusst indifferente Züge gibt und ihnen damit etwas Rätselhaftes verleiht. Dieses Rätselhafte soll der Betrachter jeweils für sich selbst entschlüsseln, Balkenhol will dabei bewusst keine Interpretationsvorgaben machen und befindet, dass sich beispielsweise Frauen in seinen Männergestalten ebenso wiederfinden können wie Männer in seinen Frauengestalten. In diesem Jahr war Stephan Balkenhol nun von St. Elisabeth eingeladen worden, die immer parallel zur documenta stattfindende Kirchenausstellung zu gestalten. Bei den bisherigen zwei Ausstellungen vor fünf bzw. zehn Jahren hatte es nie Beanstandungen gegeben, die jeweiligen Künstler waren immer in guten Kontakt mit der documenta getreten. Das war in diesem Jahr anders: kurz vor der Eröffnung der dOCUMENTA 13 am 9. Juni wurden nicht nur im Kirchenraum Kunstwerke von Stephan Balkenhol ausgestellt, sondern es wurde auch auf dem Kirchturm von St. Elisabeth eine Skulptur von ihm – eine männlich aussehende Menschenfigur mit ausgebreiteten Armen auf einer goldenen Kugel – installiert, was zu großer Empörung und Verärgerung bei der dOCUMENTA-Leitung führte, bis hin zu der Forderung, diese Skulptur wieder abzunehmen. Über die Gründe dieser heftigen Entrüstung ist viel spekuliert worden, ohne letztendlich eine Antwort zu finden, jedenfalls war Carolyn Christov-Bakargiev nicht zu einem Gespräch mit Stephan Balkenhol zu bewegen, was dieser angeboten hatte, geschweige denn zu einer Führung durch die Kirche. 

Skulpturen von Stephan Balkenhol an den Kircheninnenwänden
Skulpturen von Stephan Balkenhol an den Kircheninnenwänden

Diese Auseinandersetzung war der Anlass gewesen, Stephan Balkenhol zu einem Gespräch mit unserer Gruppe zu bitten, und er hatte auf unkomplizierte Weise sehr rasch und sehr bereitwillig zugesagt. Doch wir bekamen nicht nur die Möglichkeit, mit ihm selbst zu sprechen, sondern auch mit seinem Bruder Bernhard Balkenhol, der Kunstprofessor und -didaktiker an der Kunsthochschule in Kassel ist und spontan mitgekommen war. Was wir nun erlebten, waren zwei intensive Stunden Gespräch über Kunst, Kunstbegriffe, Künstlerkarrieren, die kirchliche Prägung und das Menschenbild von Stephan Balkenhol, die Kunsttheorie von Bernhard Balkenhol und vieles mehr.  

"Grosser Kopf und männliche Figur" von Stephan Balkenhol im Außenbereich von St. Elisabeth
"Grosser Kopf und männliche Figur" von Stephan Balkenhol im Außenbereich von St. Elisabeth

Bemerkenswert war eine Aussage von Stephan Balkenhol zum Thema „Wie wird Kunst wahrgenommen?“, in der er sinngemäß ausdrückte, dass heutzutage so viele Künstler extrem provokante Kunst machten, um überhaupt im Kunstbetrieb aufzufallen, dass inzwischen seine eigenen, im Vergleich „harmlosen“ Werke schon wieder provokant seien. Nach seinem Menschenbild und seiner möglichen kirchlichen Prägung gefragt, antwortete Stephan Balkenhol, dass er in jungen Jahren Menschenfiguren erarbeitet habe, dies dann in seinem Studium bei Ulrich Rückriem in Hamburg komplett ausgelassen habe und erst später wieder darauf zurückgekommen sei, nicht ohne sich dann die Frage zu stellen: „Was tue ich da eigentlich, wenn ich eine Menschenfigur erschaffe?“ Auf die Streitigkeiten mit der dOCUMENTA angesprochen, resümierte der Künstler, dass er einerseits die Aufregung nicht verstehe und es bedauere, dass kein Gespräch mit der dOCUMENTA zustandegekommen sei; andererseits habe die katholische Kirche (bzw. konkret das Bistum Fulda) großes Lob verdient, da sie sich hinter ihn und seine Kunst gestellt und darauf bestanden habe, die Kirchenausstellung durchzuführen.

Auch Bernhard Balkenhol wusste Interessantes aus seiner Hochschulerfahrung zu berichten, so die Geschichte eines jungen Mannes, der aufgrund hervorragender Zeichnungen in der Bewerbungsmappe an die Kunsthochschule in Kassel aufgenommen wurde. Später stellte sich heraus, dass er seine Motive zwar sehr gut abzeichnen konnte, aber keine Beziehung zum Objekt und daraufhin wieder eine künstlerische Distanz zu ihm gewinnen konnte, um dann selbst kunstschöpferisch tätig zu werden – was aus Sicht von Bernhard Balkenhol eine wichtige Voraussetzung für einen Künstler darstellt. Die Tatsache, dass besagter Student heute Geigenbauer in Irland ist, führte zu einiger Verblüffung in der Gruppe und zeigte eine gewöhnlich weniger beleuchtete Seite des Kunstbetriebs.

So antworteten auf unsere Fragen einmal Stephan Balkenhol aus Künstlersicht, ein andermal Bernhard Balkenhol aus Didaktikersicht, so dass sich immer wieder neue und interessante Perspektiven ergaben. Unsere Gruppe war sich im Nachhinein einig, dass man den beiden Brüdern noch stundenlang bei ihren Ausführungen hätte zuhören können. Wir beschlossen das Treffen mit einigen Gruppenbildern vor der Balkenhol-Skulptur „sempre più“, einem 5,7 Meter hohen Zedernholz-Torso, der ebenfalls zur Ausstellung in St. Elisabeth gehört.

Rundum angefüllt mit Kunsteindrücken der dOCUMENTA 13 und dem wunderbaren Gespräch mit Stephan und Bernhard Balkenhol machten wir uns am Abend schließlich auf den Rückweg nach München – und fragten uns insgeheim, ob die sich mit ausgestreckten Armen drehende Balkenhol-Figur auf dem Kirchturm tatsächlich auf die Rot- und Grünphasen der Verkehrsampeln reagiert, wie der Künstler es in seiner ersten Antwort erklärt hatte…

Astrid Schilling

Fotos: Michael Horvath und Astrid Schilling
Die Exkursionsgruppe mit Stephan Balkenhol (Mitte) und Bernhard Balkenhol (Zweiter von links) vor der Skulptur "sempre più"
Die Exkursionsgruppe mit Stephan Balkenhol (Mitte) und Bernhard Balkenhol (Zweiter von links) vor der Skulptur "sempre più"

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