Kurz vor Weihnachten, in einer Zeit, in der Engel allerorten „Hochkonjunktur“ haben, sei es als Werbeträger, sei es als Weihnachtsschmuck, oder als Träger biblischer Botschaft, luden die Junge Akademie, die Hochschulgemeinde Freising und das Diözesanmuseum der Erzdiözese München und Freising zur dortigen Ausstellung „Engel. Mittler zwischen Himmel und Erde“ ein.
I.
Prof. Dr. Gregor Ahn, Religionswissenschaftler an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, führte mit einem Vortrag in den Abend ein. Nach der Genese und Entwicklung der Engel-Vorstellungen seit der Antike betrachtete Ahn besonders Entwicklungen im 20. Jahrhundert. Hier ergaben sich erstaunliche Einsichten. Am Beispiel einer Modenschau, bei der Models mit Engelsflügeln ausgestattet wurden, stellte sich die Frage: „Sind Engel, nur weil sie verkauft werden, nicht mehr religiös konnotiert?“ Denn der Leserbrief eines Mannes, der die mediale Inszenierung als Sieg der Engel feiert, die „Sendezeit bekommen“ hätten, zeigt, dass selbst Vorstellungen, die säkular inszeniert werden, von Einzelnen wieder religiös konnotiert werden können.
Die literarische Rezeption des Engel-Motivs in Texten des 20. Jahrhunderts erschütterte mit Beispielen der menschlichen „Vereinnahmung“ der Engel, z. B. in Robert Walsers „Der Engel“. „Was zuvor überirdisches Geistwesen war, wird hier zum Konstrukt menschlichen Daseins“, so Ahn. Denn Walser schreibt: „So ein Engel tut gut, wenn er wartet, bis man ihm mitteilt, man bedürfe seiner. … Ich möchte nicht er sein, den ich zum Engel machte.“
Patrick McGraths Erzählung „Der Engel“ beschreibt das Schicksal eines Engel, der – zuerst makellos schön – tragisch der Verwesung ausgesetzt ist, da sein ewiger, unsterblicher Lebensfunke in einen verwesenden Körper eingesperrt ist.
Wie harmlos klingt da – als Schlusspunkt des Vortrags vorgestellt – eine Website, die esoterisch angehauchte Religiosität vertritt, u. a. mit einer Anleitung, wie man durch richtige Atmung, Visualisierung und Bitten seinen Schutzengel zu Hilfe ruft. „Solche Seiten stehen nicht nur außerhalb des Christentums, ihre Betreiber sind meist auch der Auffassung, dass sie das Christentum besser verstehen würden“, urteilte Ahn.
II.
Nach dem Vortrag waren die Teilnehmer zu einem kurzen individuellen Erkundungsgang in die mehr als 500 Objekte umfassende Ausstellung des Diözesanmuseums eingeladen. Jeder konnte dabei für sich ein Objekt wählen, das ihn spontan interessierte. Die auf diese Weise ausgewählten Kunstwerke wurden von Dr. Carmen Roll, der stellvertretenden Leiterin des Diözesanmuseums und Kuratorin der Ausstellung, in der anschließenden Führung erläutert. Dabei ergab sich ein lehrreicher Streifgang durch die Kunstgeschichte, über Renaissance und Barock bis zu Darstellungen des 20. Jahrhunderts. Der Austausch über persönliche Eindrücke angesichts der vielfältigen Darstellungen machte den Rundgang zu einem besonders interessanten Erlebnis. Bei Brot und Wein fand der Abend einen heiteren Ausklang.
Carolin Neuber
Die Ausstellung „Engel. Mittler zwischen Himmel und Erde“ im Diözesanmuseum für christliche Kunst der Erzdiözese München und Freising läuft noch bis 1. Mai 2011.
http://www.dombergmuseum-freising.de