Aufmerksame Stille lag über dem Saal der Akademie, als fast einhundert Schülerinnen und Schüler, Studierende und junge Berufstätige zuhörten: Max Mannheimer erzählte.
Er tat es sympathisch und humorvoll, obwohl es um den Holocaust ging, in dem nahezu seine ganze Familie ums Leben kam.
Am Mittwoch, den 27. Januar 2010, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, war Max Mannheimer, Überlebender von Auschwitz und Dachau, in die Junge Akademie eingeladen, um durch seinen Bericht die Erinnerung an die Untaten des Nazi-Regimes wach zu halten.
Mannheimer, der kurze Zeit später, im Februar, neunzig Jahre alt wurde, ist ein bekannter und gefragter Redner, der trotz seines Alters energisch und unermüdlich auftritt. In intensiver und offener Atmosphäre beantwortete der 90-Jährige die Fragen der jungen Menschen.
Er wolle, so sagte er, mit seinem Bericht kein schlechtes Gewissen hervorrufen, sondern durch Erinnern erreichen, dass so etwas nicht wieder geschieht. Er möchte „aufklären, wie gefährlich eine Diktatur ist und dadurch die Demokratie stärken“, fuhr er fort, auch wenn sie für ihn „nicht die ideale Staatsform ist.“ Aber – hier zitierte er Winston Churchill: „Ich kenne keine Bessere.“
In Mannheimers Erzählungen wurde deutlich, wie in der Unmenschlichkeit des Systems ein Überleben oft nur von Lüge, Glück, ja Schmeicheleien gegenüber den Aufsehern abhing, aber auch immer wieder von der Solidarität der Opfer.
Er nannte auch Beispiele:
Als die Gestapo Menschen willkürlich in „Schutzhaft“ nahm, log seine Mutter und behauptete, ihr Sohn sei erst 17 Jahre alt und damit zu jung. Als ein Aufseher im KZ ihn zusammenschlagen wollte, lobte er dessen Autorität und wurde daraufhin verschont. Als er im Krankenblock lag, gab ihm sein Bruder Edgar – der einzige aus der Familie, der außer ihm überlebt hat – jeden Tag dessen eigene Brotration.
Edgar, Max Mannheimers jüngerer Bruder, war ein wichtiger, vielleicht der einzige Halt für ihn, kam bei seiner Erzählung zum Ausdruck. Als er, der Ältere, bei der Ankunft im KZ laut überlegte, ob es nicht besser ist, einen schnellen Tod im Elektrozaun zu suchen, fragte der Jüngere: „Willst Du mich allein lassen?“ Er habe sich daraufhin geschämt und gedacht: „Ich als Ältester habe die Pflicht, meine jüngeren Brüder zu beschützen – dass der jüngere dann der stärkere war, steht auf einem anderen Blatt“. Edgar habe immer geglaubt: „Du wirst sehen, der liebe Gott wird uns retten.“ Er selbst, so gibt er heute zu, habe gezweifelt. Doch heute sagt Max Mannheimer über seinen Bruder: „Siehe da,
er hat recht behalten.“
Mannheimers Vortrag brachte vieles über ihn zu Tage. Mut zuzugeben, dass er in dieser Zeit kein Held war und es auch heute nicht ist. Ein Erzählen ohne Vorwurf an die junge deutsche Generation, obwohl er 1945 „nicht mehr unter Menschen leben wollte, die andere Menschen nur wegen ihrer Religion in Gaskammern stecken“. Ein persönliches Zeugnis von seiner Angst, gesprenkelt mit seinem unerschütterlichen Humor. Eine Mischung aus drastischen Erzählungen aus dem KZ-Alltag und anrührenden Geschichten von neuer Liebe nach dem Schrecken. Namen, Daten, Fakten, Gefühle, alles wird präzise erinnert, als wäre es ihm erst gestern geschehen. Immer wird das Publikum direkt einbezogen, das des Zuhörens nicht müde wird.
Schließlich hebt Mannheimer sein Glas und wünscht in echter Herzlichkeit: „Ich trinke auf ihr Wohl! Mögen Sie solche Sachen nur von Zeitzeugen hören, aber nicht selbst erleben.“
Es ist zu wünschen, dass viele Menschen auf die Zeitzeugen wie ihn hören, damit wirklich niemand mehr solches erleben muss.