Bereits zum dritten Mal fand am 20./21. Mai 2011 in der Jungen Akademie und in Kooperation mit der "Carl von Linde"-Akademie der TU München das Kreativitätsseminar statt. An eineinhalb Tagen wurde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, zumeist Studierende aus den unterschiedlichsten Fachbereichen, ein bunter Reigen an Workshops geboten. Dabei standen weniger direkt anwendbare Kreativitäts-„Techniken“ im Mittelpunkt, von denen es heißt, dass man damit quasi „aus dem Stand“ kreativer denken könne. Die Übungen, die von den Referenten angeleitet wurden, führten die Teilnehmer des Seminars vielmehr auf einem Weg, der sie die innewohnende Kreativität entdecken und wecken ließ und die gemeinsame Grunddimension spielerischen bzw. künstlerischen und beruflichen Handelns deutlich machte.
I.
Den Anfang machte der Kulturwissenschaftler und Spiele-Erfinder Marco Teubner. Voraussetzungen und Bedingungen für kreatives Denken und Handeln wurden gesammelt, gewichtet und diskutiert. „Aus dem Chaos zur Schönheit führt die Kreativität“, war einer der Vorschläge, die aus der Gruppe kamen. Oft bewegen sich unsere Gedanken in tief eingegrabenen Bahnen wie in einem Flussbett. Solche Bahnungseffekte gelte es immer wieder bewusst zu durchbrechen, so Teubner, um wirklich neue Ideen entstehen zu lassen. Ob Kreativität ganz besonders Momenten von Panik entspringt, wie der indische Regisseur Shekhar Kapur, in einem Internet-Beitrag eingespielt, postuliert, wurde jedoch kontrovers diskutiert.
Teubner erzählte auch von seiner Arbeit als Spiele-Erfinder. Oft sei es schwierig, den Prozess von der Idee bis hin zur vollständigen Ausführung durchzuziehen. Denn zur produktiven Kreativität gehört nicht nur die Freude an immer neuen sprühenden Einfällen, sondern auch die Arbeit, diese bis ins Detail umzusetzen, auch wenn der Weg mühsam wird. Andererseits: „Wenn du eine Lösung für eine Aufgabe hast, die besser ist, als die, an der du bisher arbeitest, lass die alte Lösung beiseite und beginne mit der neuen, besseren Idee von vorne.“ Und: „Gib dich nicht mit einer einzigen Idee zufrieden.“ Sonst, so Teubner, verwendet man seine Zeit womöglich auf mittelmäßige Ausführungen.
II.
Nach dieser ersten Annäherung an die Kreativität und einer Stärkung beim Abendessen brachte Karin Krug, Mitgründerin des Münchner Improvisationstheaters „fastfood theater“, noch mehr Schwung in den Abend. Spielerisch lockte sie die Teilnehmer von einfachen Übungen zur Wahrnehmung („Aha!“) über Wortkettengebilde zum Geschichtenerzählen. Da bildeten vier Leute einen „vierköpfigen Drachen“, der ein Märchen erzählen sollte – doch jeder durfte immer nur ein einziges Wort beitragen, so dass der Fortgang des Satzes gar nicht gesteuert werden konnte. Oder man zeigte sich gegenseitig Gegenstände aus seiner (nur in der Vorstellung vorhandenen) „Schatztruhe“, die der andere, obwohl nicht sichtbar, phantasiereich kommentieren durfte. Wer vorher vielleicht gedacht hatte, ihm würde spontan nichts Gescheites einfallen, wurde an diesem Abend eines Besseren belehrt.
III.
Der Samstag wurde von Professor Michael Brater gestaltet, der zu künstlerisch-kreativen Übungen anleitete, die er mit der fürs Berufsleben nötigen Kreativität verband. Mit Stift und Papier, Ton und Kreppklebeband lernten die Teilnehmer, wie es ist, ohne Zielvorstellungen an das gegebene Material heranzugehen, aus dem „Anschauen“ mit den Fingern das Tun zu bestimmen, nicht nach-zudenken, sondern mit-zudenken. Der künstlerische Prozess wurde als ergebnisoffen wahrgenommen. Die bewusst ausgeklammerten Zielvorstellungen erzeugen eine Unsicherheit, die Innovation und Kreativität auslöst. „Die Absicht“, so wurde die Malerin Maria Lassnig von Brater zitiert, „wäre etwas Bestimmtes, im Wege Stehendes. Ich habe aber etwas Unbestimmtes als Anfang, das ich erst während der Arbeit bestimmen möchte, … damit es, wenn es da ist, mich überrascht.“
Deshalb, so Brater, reagieren Künstler „auf die Offenheit nicht mit einem Plan oder theoretischen Überlegungen. Sondern sie handeln. Sie fangen einfach an.“ Dieses Handeln ist einerseits ein freies, absichtsloses Spielen, in dem der Gegenstand, das Material erkundet wird und Unerwartetes wahrgenommen werden kann. Indem jede Handlung den Gegenstand verändert, was wieder wahrgenommen werden muss und die nächste Handlung beeinflusst, entsteht ein Dialog zwischen Material und Künstler - wenn die Offenheit dafür da ist. Nicht das Nach-Denken, sondern das Mit-Denken bestimmt den künstlerischen Prozess, denn: „Ich ... möchte am Ende ein Bild erhalten, das ich gar nicht geplant hatte... ich möchte ja gern etwas Interessanteres erhalten als das, was ich mir ausdenken kann“ (Maler Gerhard Richter).
Was hat dies alles aber mit der heutigen Welt und unserer Arbeitswelt zu tun? Diesen Brückenschlag leistete Brater am Ende des Tages nach einer abwechslungsreichen Reihe an Übungen. Die postmoderne (Arbeits-)Welt ist geprägt vom Zerbrechen übergreifender Orientierungen. Folgen daraus sind stetiger Wandel, Subjektivierung und höhere Autonomie, verbunden mit höherem Druck auf den Einzelnen, Offenheit der Prozesse statt festgelegter Standards, die flexible (Berufs-)Biografie als individuelle Gestaltungsaufgabe. Wissen und Können, Selbstentfaltung und Kreativität des Einzelnen werden wichtigste Faktoren der Wertschöpfung.
„Der Künstler wird dadurch zum Rollenmodell für den neuen Arbeitsmarkt“, folgert Brater. Denn wie im künstlerischen Prozess ist die berufliche Tätigkeit heute Handeln unter Ungewissheit, bei dem sich ständig alles verändert, Unplanbares geschieht, Entscheidungen getroffen und Risiken getragen werden müssen. „Es gibt keine Regeln und Vorgaben, alles muss selbst bestimmt werden, aus dem sich selbst tragenden Wechsel von Handeln und Wahrnehmen“, so Brater. Künstlerische Bildung ist also kein Luxus, sondern Ausgangspunkt für ein bestimmtes Verhältnis zur Welt, das heute für jeden wichtig wird. Denn Ziel einer künstlerischen Bildung ist nach Carl-Peter Buschkühle „die Bildung und Erziehung zu einem Subjekt, welches aufgrund seiner geistigen Beweglichkeit in der Lage ist, sich selbst und sein Leben selbstbestimmt und selbstverantwortlich zu gestalten.“
IV.
Vom Künstlerischen im Berufsleben zur Künstlerin als Beruf: Am Ende des Tages besuchten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Annegret Hoch in ihrem Atelier, das nahe der Donnersbergerbrücke in München liegt und durch viel Licht und einen sagenhaften Ausblick über München besticht. Die Malerin stellte zunächst jüngere Entwicklungsstufen ihres künstlerischen Arbeitens vor. Aus Mustern und Formen, die sie in ihrer Umgebung vorfindet entwickelt sie raumgreifende geometrische Formen in leuchtenden Farben. Sie arbeitet auf Tapeten und Stoffen, es entstehen aber auch Werke, die auf Wänden und Decke von Räumen und Häusern aufgebracht werden und die Architektur ganzer Gebäude aufnehmen und betonen. Kürzlich führte sie ein Projekt am Kindergarten mit Jugendtreff, der Einrichtung „An der Schäferwiese“ in München, aus.
Ein langes, von vielen interessierten Fragen der Teilnehmer geprägtes Gespräch folgte: über Initialpunkte, Verlauf und Dauer eines künstlerischen Prozesses, über Schwierigkeiten und Grenzen einer Existenz als freischaffender Künstlerin, ja sogar über die Frage, ob man abstrakte Bilder auch „anders herum“ aufhängen könne. „Nein!“ war die klare Antwort Hochs, „denn das verändert die Wirkung des Bildes total.“ Um dies zu demonstrieren, ließ sie sich sogar dazu überreden, einige ihrer Bilder umzudrehen. Der Effekt war so deutlich, dass ihr sofort alle zustimmten.
Damit gingen eineinhalb Tage zum Thema Kreativität zu Ende. Eine Teilnehmerin zog das Fazit: „Es hat mit schon lange kein Seminar so viel gebracht wie dieses.“ Und eine andere: „Super! So was könnten mehr Menschen gebrauchen.“
Dafür wird gesorgt: Nächstes Jahr wird es wieder auf dem Programm der Jungen Akademie stehen.
Carolin Neuber