„Im Himmel ist es anders, als wir denken.“
- so lautete der Titel einer Ausstellung moderner Kunst, die im
Diözesanmuseum auf dem Domberg in Freising zu sehen war. Die Junge
Akademie besuchte die Ausstellung zusammen mit der Hochschulgemeinde
Freising am 25. Juni. Eine Gruppe junger Erwachsener, vor allem
Studierender, fand sich an diesem kühlen Sommerabend im Museum ein, um
einen Blick auf den uralten Menschheitstraum vom Paradies zu werfen.
Zum Auftakt gab Prof. Dr. Johann Evangelist Hafner,
Professor für Religionswissenschaft mit Schwerpunkt Christentum an der
Universität Potsdam, eine religionsgeschichtliche und theologische
Einführung unter dem Titel „Von 8-12 Frohlocken, von 12-20 Hosianna
Singen. Das christliche Paradies zwischen Wohlfühlwelt und Gericht“. Er
begann mit einer Warnung: „Im Himmel ist es anders, als wir uns das
vielleicht denken.“ Sowohl das anfängliche Paradies als auch der
endzeitliche Himmel wurden biblisch und systematisch-theologisch vor den
Zuhörern ausgefaltet, wobei die kunstgeschichtliche Veranschaulichung
nicht zu kurz kam.
Schon in der biblischen Anschauung zwischen Paradieserzählung und
Offenbarung des Johannes ist eine Entwicklung der irdischen Geschichte
vom bukolischen Naturzustand des Gartens Eden zu einem neuen,
zivilisatorischen Idealzustand, der „Neuen Stadt“ zu erkennen. Außerdem
war von Adam und Eva, der Faulheit als erster Ursünde – „Da steckt
Lebenserfahrung dahinter“, kommentierte einer der Zuhörer – , und den
vier Paradiesströmen ebenso die Rede wie von Fegefeuer, Tausendjährigem
Reich und Auftreten des Antichristen als gefälligem, den Weltfrieden
versprechenden Weltfürsten. Alle angesprochenen Aspekte zusammengefasst
fand Hafner in Fra Angelicos Darstellung des Jüngsten Gerichts.
Im zweiten Teil des Abends begleitete der Kurator der Ausstellung, Dr.
Alexander Heisig, Fachreferent im Kunstreferat der Erzdiözese
München und Freising, die Gruppe durch die Ausstellung und erschloss den
Zuhörerinnen und Zuhörern einen Zugang zu den modernen, individuellen,
freien Werken. Da fast jeder der siebzehn Künstlerinnen und Künstler
einen anderen Aspekt des Themas zum Ausgangspunkt genommen hatte, war
eine große Vielfalt an Deutungen entstanden. Allen gemeinsam war der
„neue Blick“, den der Untertitel der Ausstellung versprach; denn „die
uralte Hoffnung hat Bestand, doch der Blick darauf wird immer neu, weil
wir nur aus unserer Wirklichkeit darauf blicken können“, so Heisig.
Von einem Teilnehmer besonders hervorgehoben wurde die Gegenüberstellung
zweier Objekte, die zeigen, in welcher Spannweite sich
Paradiesvorstellungen von Menschen aus Industrienationen bzw.
Dritte-Welt-Ländern bewegen können: Auf der einen Seite eine
konsumkritische Arbeit von Tim Bennet, die den Betrachter fragen lässt,
was „wir“ denn noch alles wollen; auf der anderen Seite ein einfühlsames
Abbild kongolesischer Flüchtlinge, für die das nackte Überleben bereits
dem Paradies nahe kommt (Davide Cantoni).
Mit Wolfgang Stehle war einer der ausstellenden
Künstler anwesend.
Sein Beitrag mit dem Titel „The party is over“
zeigt die abstrahierte Nachahmung einer in der Zerstörung begriffenen
Landschaft, und weist auf die Vernichtung des Paradieses hin, in dem wir
eigentlich ständig leben: unserer Natur.
Stehles ästhetische Aufarbeitung fragt, ob aus dem resultierenden Chaos
noch Positives entstehen kann, und fand großes Echo bei den Anwesenden:
Ist Paradies mit harmonischer Gesetzmäßigkeit gleichzusetzen, in der
alles parallel und sauber verfugt, ewig und unzerstörbar ist? Oder würde
man dadurch in ein Korsett eingespannt, das die Hölle darstellt,
während das Paradies nur dort verwirklicht ist, wo spontan und
überraschend Neues entstehen kann, wie Prof. Hafner anmerkte?
Der rege Austausch unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erfreute
auch den Künstler, denn „wenn ein Objekt von Besuchern ganz anders
gesehen wird, kann bei mir ein Prozess des Nachdenkens einsetzen.“
Am Ende waren alle Beteiligten nicht nur um Antworten, sondern um
Denkanstöße und neue Fragen reicher. „Da schließen sich neue Welten
auf“, zog eine Teilnehmerin ihr Fazit.