Anstößiges aus Wissenschaft, Gesellschaft, Kirche Anstößiges aus Wissenschaft, Gesellschaft, Kirche

Pinnwand

18.11.2011
schöne sache
von micha
09.11.2011
Ein dickes "WEITER SO" an die junge Akademie. Viele Grüße, Jo
von Johannes
09.06.2011
Toller Artikel über unser Gespräch in der Jungen Akademie. Das hat mir wirklich Spass gemacht!
Kommt gleich auf unsere Facebook Seite (www.facebook.com/
usconsulatemunich)
von Conrad Tribble
03.05.2011
Liebe Besucher,
hier könnt ihr eine Nachricht, einen Kommentar oder einen Gruß hinterlassen.
Viele Grüße aus der Jungen Akademie!
von Carolin Neuber

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06.11.2010: Querköpfe - (christliche) Intellektuelle in der Gesellschaft

Moderator Wolfgang Küpper und Podiumsteilnehmer Professor Nassehi
Auf dem von Wolfgang Küpper (li.) moderierten Podium saß auch Prof. Armin Nassehi

Querköpfe, Schrittmacher, Propheten
Braucht unsere Gesellschaft noch (christliche) Intellektuelle?

I.

Die argumentative, intellektuelle Auseinandersetzung verkümmert in unserer Gesellschaft immer mehr. Stattdessen floriert ein mit griffigen Thesen sich gut verkaufender Populismus, wie er sich z.B. in vielen Talk-Shows zeigt. Wissenschaftler hingegen, die eigentlich diejenigen wären, die intellektuell streiten könnten und sollten, ziehen sich häufig auf ihr Forschungsgebiet zurück, nicht zuletzt deshalb, weil es angesichts der modernen Wissensflut kaum möglich ist, sich in allen Fachgebieten ausreichend zu informieren.
Dieser unerfreuliche Befund veranlasste die Junge Akademie in einem Studientag Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete zusammen- und ins Gespräch zu bringen. „Braucht unsere Gesellschaft noch (christliche) Intellektuelle?“ war die Frage, die am Samstag, den 6. November 2010, auf dem Studientag in den Räumen der Katholischen Akademie erörtert wurde, den die Junge Akademie zusammen mit der Katholischen und der Evangelischen Hochschulgemeinde, sowie mit dem „Forum Spiritualität und berufliche Verantwortung“ der Erzdiözese München und Freising anbot. Der Studientag war auf der Suche nach dem bleibenden Wert intellektueller Auseinandersetzung, und darin gerade auch nach der Stimme von Christen.
Auf dem von Wolfgang Küpper, Leiter der Redaktion „Religion und Kirche“ beim Hörfunk des Bayerischen Rundfunks, geleiteten Podium diskutierten Prof. Dr. Gregor Maria Hoff, Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie an der Universität Salzburg und Obmann der Salzburger Hochschulwochen, Prof. Dr. Armin Nassehi, Soziologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Prof. Dr. Andreas Buchleitner, Professor für Quantenoptik und -statistik an der Universität Freiburg.

 

Referent Professor Hoff und Podiumsteilnehmer Professor Buchleitner
Prof. Gregor-Maria Hoff (re.) hielt den Eröffnungsvortrag und nahm anschließend mit Prof. Buchleitner an der Diskussion teil

II.

Im Einführungsreferat beleuchtete Gregor Maria Hoff das Thema unter dem Titel „Schwierige Fälle. Gebrauchsanweisungen für die prophetische Verwendung der Vernunft“ anhand von drei Größen der Kirchengeschichte: dem Kirchenlehrer Aurelius Augustinus, dem Reformator Martin Luther und dem katholischen Theologen Karl Rahner. Alle drei hätten für die je eigenen Probleme ihrer Zeit eine Sprache gefunden. „Damit ist ein Fingerzeig für das Verständnis christlicher Intellektualität und ihrer Bedeutung gewonnen: ihre Fähigkeit, die ‚Zeichen der Zeit’ theologisch zu qualifizieren und eine Sprache für sie zu finden, um angesichts der bestehenden Fragen ein eigenes Orientierungswissen zur Verfügung zu stellen“, konstatierte Hoff. In der gegenwärtigen Marginalisierung des Christentums, seiner Verschiebung an die Ränder von Kultur und Politik, sei ebenfalls wieder die nötige Sprache zu finden, um die der Religion eigene, für alle sehr wichtige gesellschaftliche Ressource in den Mittelpunkt rücken zu können: den Sinn. Denn Sinnfragen würden auch in den modernen Diskursen den notwendigen Zweifel anstoßen, der dann bis zum tragenden Grund durchfragen lasse.
Dazu, so Hoff, müsse die Kirche den Mut haben, an den Zeichen der Zeit die Relevanz des Evangeliums neu auszudrücken. Der Beunruhigung durch Wissenschaftler und Journalisten stelle sie jedoch eine Selbstgewissheit gegenüber, in der sie sich der Antworten letztlich sicher bleibe. „Die Kirche ist aber geradezu auf gefährliches Wissen angewiesen, mit dem sie unbequem werden muss.“ Denn nur so könne sie im Kontakt mit den Herausforderungen der Gegenwart sprachfähig werden und bleiben. Indem sie so unnachgiebig die bleibende Bedeutung des Evangeliums ins Gespräch bringen könne und den gesellschaftlichen Abläufen Unterbrechungen zumute (J. B. Metz), werde sie dem intellektuellen Potenzial gerecht, das im besten Sinne prophetisch genannt werden dürfe.

"Der Intellektuelle muss es wagen, mehr zu sagen, als er weiß." Professor Nassehi im Gespräch mit den Teilnehmern
"Der Intellektuelle muss es wagen, mehr zu sagen, als er weiß." Professor Nassehi im Gespräch mit einer Teilnehmerin

III.

Dass christliche Intellektuelle in der Gesellschaft „Widerhaken anbringen“ sollten, meinte auch Wolfgang Küpper, der als Moderator ebenfalls sehr engagiert in die Diskussion eingriff. Die damit verbundene Außenwirkung käme der Kirche, die heute immer wieder auf Misstrauen treffe, zugute. Doch: „Ohne Medien geht heute nichts mehr“, so der Medienvertreter, der aber, obwohl er beim Hörfunk arbeitet, die Spitzenstellung des Fernsehens als Leitmedium klar benannte.
Die Bedeutung der Medien unterstrichen auch die Teilnehmer des Studientages. Denn eine Hauptaufgabe der Intellektuellen sah einer der Teilnehmer gerade in der Information der Öffentlichkeit: „Ich kann mir selbst zu den meisten Themen keine qualifizierte Meinung bilden. Wem soll ich vertrauen?“ Die Herausforderung sei dabei, so seine Schlussfolgerung, die Öffentlichkeit zu einer informierten Entscheidung zu bewegen. Hier sah der Physiker Andreas Buchleitner dann auch den Unterschied zwischen einem Experten und einem Intellektuellen: Als Naturwissenschaftler werde man gerne gebeten, als Experte zu einzelnen Themen Fakten darzulegen. Der Intellektuelle besitze jedoch darüber hinaus die Kompetenz und die Aufgabe, auch ohne fachliche Expertise auf die Konsistenz von Fragestellungen Wert zu legen, da er die dafür nötige Methodik gelernt habe. Er solle nicht nur Auskunft geben, sondern Auskünfte und dahinter liegende Fragestellungen durchschauen und gegebenenfalls kritisch hinterfragen. Dafür müsse er, so ergänzte der Soziologe Armin Nassehi, auch ein Risiko eingehen: „Der Intellektuelle muss es wagen, mehr zu sagen, als er weiß.“ Und Andreas Buchleitner ging sogar noch einen Schritt weiter: „Der Intellektuelle muss mehr fragen, als er weiß.“
Einig waren sich alle Podiumsteilnehmer auch darüber, dass die große Schwierigkeit darin bestehe, solch schwierige, komplexe Inhalte in den Medien verständlich zu vermitteln. Doch wie mit diesen Rahmenbedingungen umgehen? Darüber entspann sich eine lebhafte Diskussion. „Es darf nicht zu kompliziert sein, nicht zu schwierig, nicht zu anspruchsvoll“, konstatierte Hoff im Rückgriff auf Äußerungen Karl Rahners. Wesentlich kritischer bewertete Buchleitner die geforderte Kürze der Darstellungen in den Medien: „Die Debatten sind einfach zu komplex für eine Sendezeit von eineinhalb Minuten.“ Dieser Einschätzung wollte sich Wolfgang Küpper so nicht anschließen, der „die Prägekraft der kurzen Einheiten“ lobte. Mit dem kleinen Mosaiksteinchen von eineinhalb Minuten erreiche man mehr Menschen als mit zweistündigen Erörterungen, denen keiner folgen wolle. Buchleitner wiederum konterte: „Eine Beschränkung auf kürzeste Einheiten ist bedenklich.“ Diese Beschränkung abzulehnen sei sogar eine Aufgabe des Intellektuellen.

  

Teilnehmer des Studientages
„Die Referenten sind mutig und engagiert“, lobte das Publikum, das ebenso interdisziplinär gemischt war wie das Podium.

IV.

Anhand der umstrittenen Thesen Thilo Sarrazins sahen sich die in der Akademie versammelten „Intellektuellen“ ein Thema genauer an. Die Tatsache, dass sich in der Öffentlichkeit keine richtige Debatte über Integration entwickelte, brachte der Physiker Buchleitner in metaphorischer Sprache auf den Punkt: „In dieser Angelegenheit gibt es viel mehr Rauch als Licht, dabei wären die Intellektuellen eigentlich für die Beleuchtung zuständig.“
Aber warum melden sich diese nicht zu Wort? Eine Antwort versuchte der Soziologe Nassehi. Der mangelnde Einfluss der Intellektuellen liege auch am Leseverhalten des Publikums. „Wir haben nicht mehr die einheitliche Öffentlichkeit des 19. Jahrhunderts.“ Das Publikum habe sich vielmehr diversifiziert; es sei zudem immun gegen Debatten geworden. Nun gelte es, neue Formen zu finden, etwa in den Diskussionsforen des Internets, in denen eine Auseinandersetzung weniger autorenbestimmt stattfinde als in den Feuilletons der Zeitungen. Dabei gelte auch hier oft, dass Bilder eindrücklicher wirken würden als Worte. Diesen Hinweis nahm einer der Teilnehmer aus dem Publikum auf und beklagte, dass die Wissenschaften es nicht schaffen würden, eindrucksvolle Räume zu öffnen, wie dies im Kino oder Fernsehen geschehe. Die künstlerische Umsetzung von Themen erleichtere eben das Erreichen der nötigen Metaebene, ergänzte Hoff.

 

Teilnehmer des Studientages
Auch in der Kaffeepause wurde intensiv diskutiert

V.

Für Armin Nassehi ist das eigentlich Interessante am intellektuellen Diskurs, dass sich durch die Interdisziplinarität Wissenschaftler gegenseitig etwas beibringen können. Er macht dies am Beispiel Patientenverfügung deutlich: Wenn die juristischen Aspekte ausdiskutiert sind, seien die medizinischen oder ethischen Fragen noch lange nicht gelöst. „Es ist ja nicht so, dass wir die Lösung schon hätten, sondern wir müssen wie ein Trüffelschwein suchen, was der andere weiß, um dann zusammen eine Lösung zu finden.“ Gregor Maria Hoff nahm das Bild aus dem Tierreich auf und meinte: Wie ein Trüffelschwein nach den Pilzen suche, so gelte es auch für den Theologen nach den „Zeichen der Zeit“ zu forschen. Dieses Forschen habe das Zweite Vatikanische Konzil auch gefordert.
Und das Konzil und sein Auftrag, in der Gesellschaft zu wirken, boten auch den Ausgangspunkt für die Frage nach dem spezifisch Christlichen am heutigen intellektuellen Diskurs. Wie, so ein Teilnehmer, könnten wir Christen heute, in einer Gesellschaft, in der die Zahl der Christen abnimmt, dieses typisch Christliche noch begründen? Für Wolfgang Küpper geht es in dieser Frage gar nicht so sehr darum, aktiv einen zustehenden Raum in der Gesellschaft zu fordern, sondern schlicht darum, sich nicht an die Wand drücken und marginalisieren zu lassen.
Die Frage aus dem Publikum, wie es unter heutigen Bedingungen möglich sei, intellektuell redlich und spirituell relevant von Gott zu sprechen, hielt Armin Nassehi für die Frage nach der religiösen Rede schlechthin. Die Gesellschaft wolle offenbar das Religiöse noch hören. Ob die Kirche aber noch die gefragte Sozialform sei – das sei die Frage. Man solle besser als religiöser Akteur auftreten, statt als kirchlicher, riet der Soziologe.

VI.

Übrigens: Bei aller Wertschätzung der Intellektuellen, die in den Diskussionen aufschien, fehlte beim Studientag auch die Kritik an ihnen nicht. „Gesellschaften haben immer die Intellektuellen, die sie verdienen“, so der Soziologe Armin Nassehi, denn Intellektuelle seien nicht immer etwas Positives: Man dürfe nicht vergessen, dass auch die Ideologien des 20. Jahrhunderts von Intellektuellen getragen worden seien.
Dennoch zogen die Teilnehmer beim abschließenden Mittagessen, bei dem die angeregten Gespräche weitergingen, ein sehr positives Fazit. „Die Veranstaltung hat mir viele Anregungen gegeben“, resümiert eine Teilnehmerin und lobte, wie andere auch, besonders die Interdisziplinarität.

Carolin Neuber

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