I.
„Web 2.0“ steht als Synonym für das „Mitmach-Internet“, also die Form des „WorldWideWeb“, in dem nicht nur Informationen gefunden, sondern von jedem Nutzer eingestellt werden können. Parallel zur steigenden Beliebtheit von Portalen wie facebook, studiVZ und YouTube, auf denen die individuelle Kreativität ihren Ausdruck finden kann, nahmen auch Kritik und Warnungen vor den Gefahren zu, die das Web 2.0 bereithalte. Die ungeklärte Frage nach Privatheit und Schutz der ins Netz gestellten persönlichen Daten stellt dabei nur eines von mehreren Problemen dar, mit denen sich eine Internetethik zu befassen hat. Dies erfuhren die zwölf Teilnehmer des Workshops „Web 2.0 – Ethik 2.0?“ am 8. Juni 2010 in der Jungen Akademie von Dr. Johannes Frühbauer, Professor ad interim am Institut für Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Luzern, – und sie erkundeten es unmittelbar, denn über ein Netzwerk war jedes mitgebrachte Notebook mit dem Internet verbunden.
Die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen Erfahrungsfeldern: Neben Studenten gab es auch solche, die – etwa als Webdesigner – im und mit dem Internet arbeiten, sowie junge Menschen, die hauptberuflich in der Jugendarbeit tätig sind. Entsprechend unterschiedlich waren die Haltungen gegenüber dem Medium. Die Jugendarbeit sei nach Aussage einer Jugendpflegerin nicht mehr ohne das Web zu denken, „weil kaum ein Jugendlicher noch E-Mails liest, sondern nur facebook-Nachrichten“. Zugleich sei gerade in diesem Bereich viel behutsame Aufklärungsarbeit zu leisten.
Die meisten der Anwesenden pflegen, das schälte sich heraus, einen vorsichtigen Umgang mit den ungezählten Möglichkeiten, indem sie sich genau fragen, wo die Grenzen dessen liegen, was sie preisgeben wollen, bis hin zu Einzelnen, die sich generell „raushalten, soweit es geht“, um ihre persönlichen Daten zu schützen.
II.
Im Mittelpunkt der kurzen Vorstellungsrunde
stand also die Frage nach der Sicherheit der sogenannten „social
communities“. Der Referent lenkte in seinem daran anschließenden
einführenden Vortrag den Blick der Teilnehmer zunächst auf die im
weltweiten Netz vertretene kulturelle Vielfalt, die notwendigerweise
auch unterschiedliche ethische Ansichten mit sich bringe. Es stelle sich
die Frage, ob ein globaler Konsens in Fragen der Internetethik möglich
sei, so Frühbauer. Zentraler Punkt sei für ihn der Stellenwert der
Freiheit und Autonomie, sowohl der eigenen als auch der der anderen.
„Wie weit ist mein Anspruch auf Freiheit, d.h. auf Nicht-Regelung
berechtigt, wenn es mir z. B. einerlei wäre, was mit meinen Daten
passiert?“, formulierte er. Wichtige Voraussetzung für das Nachdenken
über die Ethik des Internets sei zudem die Einsicht, dass Ethik, im
Gegensatz zum Recht, keine Sanktionsmöglichkeiten habe, sondern auf das
freiwillige Tun, und damit auf die Verantwortung der Nutzer angewiesen
sei. An dieser Stelle zeige sich die Wichtigkeit eines kompetenten
Umgangs mit dem Medium, der besonders Kindern und Jugendlichen zu
vermitteln sei, da diese das Web 2.0 in höchstem Maße und oft
erschreckend bedenkenlos nutzen würden, argumentierte der
Wissenschaftler.
Nach diesen grundlegenden Ausführungen weitete
Frühbauer den in der Vorstellungsrunde vornehmlich auf informationelle
Selbstbestimmung bezogenen Blick auf die große Zahl an Aspekten aus, die
für die Internetethik relevant sind, wobei er sich auf Rafael Capurro
und Rüdiger Funiok SJ bezog. Frühbauer nannte u. a. die
Informationsgerechtigkeit und das Recht auf informationelle
Grundversorgung; das gelte nach seiner Ansicht besonders für Menschen in
Entwicklungsländern, die keinen Internetzugang hätten. Darüber hinaus
müsse die Frage gestellt werden, ob durch virtuelle Identitäten die
Gefahr der Realitätsverzerrung bestehe. Auch die Themen Suchtgefahr; das
Urheberrecht; die Beurteilung der Qualität oder des Wahrheitsgehalts
von Informationen und schließlich auch die Meinungsfreiheit gegenüber
einer Zensur, die z. B. dem chinesischen oder iranischen Regime
vorgeworfen werde, seien zu bedenken.
III.
Für
den sich anschließenden „Erkundungsgang“ durchs Web 2.0 hatte Frühbauer
Links zu einschlägigen Websites ausgewählt, denen die Teilnehmer des
Workshops nachgingen. Darunter waren auch solche, die aus ethischer
Sicht hochgradig problematisch sind. Neben Aufklärungsseiten über
Cybermobbing und Identitätsklau fand sich z. B. eine Seite über
Magersucht, die diese Krankheit durch ihre Inhalte (Kalorien-Tagebuch,
YouTube-Videos etc.) verharmlost, ja sogar positiv hervorhebt. Ein
Blasphemie-Blog, der zur Leugnung Gottes aufruft, erregte bei einer
Teilnehmerin bloßes Unverständnis: „Ob man das braucht? Also, ich finde
es dumm.“ Eine weitere Seite, die Fotos mit Ekel erregenden Inhalten
enthält, steht in Deutschland eigentlich auf dem Index, ist aber
trotzdem zugänglich. Im Gespräch mit Anna Schleinzer vom Bayerischen
Rundfunk, die an der Veranstaltung teilnahm und Material für einen
Beitrag in Bayern 2 Radio sammelte, erzählte eine Teilnehmerin von ihren
Erfahrungen mit dieser Seite in ihrem Freundeskreis: „Das war einmal
cool und man hat sich solche Fotos geschickt. Ich traue mich ja gar
nicht hinsehen. Man müsste solche Seiten sperren, denn Jugendliche
sollten so was gar nicht sehen.“ Eher abgeklärt ging ein bereits
erfahrener Surfer mit den eigenen Funden um und erzählte von
Möglichkeiten, peinliche Inhalte über Menschen ins Netz zu stellen,
denen man schaden möchte.
IV.
Mit diesen Erfahrungen stiegen die
Teilnehmer dann in die Diskussion ein, in der viele Aspekte des Themas
nochmals angesprochen wurden. Darf man etwa Internetseiten sperren,
deren Inhalte als ethisch fragwürdig eingestuft werden, oder begibt man
sich damit auf das Niveau zensierender Staaten? Auch in dieser Frage der
Verfahrensgleichheit wirke unsere moralische Intuition, so Frühbauer.
Das Thema wurde auch an diesem Abend durchaus ambivalent gesehen:
„Menschen in Ländern ohne Meinungsfreiheit haben durch das Internet
große Chancen, ob ihr Blogeintrag nun ethisch korrekt ist oder nicht“,
lautete eine Wortmeldung.
Im Unterschied zu den konventionellen
Medien kann jeder Nutzer auch Sender werden; eine Kontrollinstanz wie z.
B. im öffentlich-rechtlichen Bereich gibt es nicht. Desto größer ist
die Bedeutung der persönlichen Medienkompetenz, um Inhalte selbst
beurteilen zu können. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass wegen der
rasanten Entwicklung des Internets ethische Fragen bisher nicht
ausreichend diskutiert werden konnten, wie es bei anderen Medien
geschehen ist. „Das Beste ist“, so eine der in der Jugendarbeit tätigen
Teilnehmerinnen, „die Jugendlichen ernst zu nehmen, mit ihnen zu reden
und ihnen so zu helfen, sich ihre eigene Meinung zu bilden.“
Eine
Regulierung des Web 2.0 durch von außen angelegte Regeln erschien den
Teilnehmern aufgrund der Unüberschaubarkeit ohnehin nicht durchführbar.
Es müsse also auf Selbstregulierungsmechanismen gesetzt werden, indem z.
B. in einem Forum auf ethisch fragwürdige Beiträge ein Gegenimpuls aus
der Community selbst komme. Ob das ethische Verhalten im Alltag sich
auch auf das anonyme Internet übertrage, lautete die kritische Frage
Frühbauers. Eine Teilnehmerin zeigte sich zuversichtlich: „Der Großteil
der Nutzer wird wohl verantwortungsbewusst sein.“ Und eine andere
Teilnehmerin ergänzte: „Auch dank der derzeitigen gesellschaftlichen
Debatte.“
Carolin Neuber