Anstößiges aus Wissenschaft, Gesellschaft, Kirche Anstößiges aus Wissenschaft, Gesellschaft, Kirche

Pinnwand

18.11.2011
schöne sache
von micha
09.11.2011
Ein dickes "WEITER SO" an die junge Akademie. Viele Grüße, Jo
von Johannes
09.06.2011
Toller Artikel über unser Gespräch in der Jungen Akademie. Das hat mir wirklich Spass gemacht!
Kommt gleich auf unsere Facebook Seite (www.facebook.com/
usconsulatemunich)
von Conrad Tribble
03.05.2011
Liebe Besucher,
hier könnt ihr eine Nachricht, einen Kommentar oder einen Gruß hinterlassen.
Viele Grüße aus der Jungen Akademie!
von Carolin Neuber

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08.06.2010: Web 2.0 - Ethik 2.0?

Web 2.0 - Ethik 2.0?
Facebook im Vordergrund: Bleiben die Menschen und ihre ethischen Fragen in der zweiten Reihe?

I.
„Web 2.0“ steht als Synonym für das „Mitmach-Internet“, also die Form des „WorldWideWeb“, in dem nicht nur Informationen gefunden, sondern von jedem Nutzer eingestellt werden können. Parallel zur steigenden Beliebtheit von Portalen wie facebook, studiVZ und YouTube, auf denen die individuelle Kreativität ihren Ausdruck finden kann, nahmen auch Kritik und Warnungen vor den Gefahren zu, die das Web 2.0 bereithalte. Die ungeklärte Frage nach Privatheit und Schutz der ins Netz gestellten persönlichen Daten stellt dabei nur eines von mehreren Problemen dar, mit denen sich eine Internetethik zu befassen hat. Dies erfuhren die zwölf Teilnehmer des Workshops „Web 2.0 – Ethik 2.0?“ am 8. Juni 2010 in der Jungen Akademie von Dr. Johannes Frühbauer, Professor ad interim am Institut für Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Luzern, – und sie erkundeten es unmittelbar, denn über ein Netzwerk war jedes mitgebrachte Notebook mit dem Internet verbunden.

Die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen Erfahrungsfeldern: Neben Studenten gab es auch solche, die – etwa als Webdesigner – im und mit dem Internet arbeiten, sowie junge Menschen, die hauptberuflich in der Jugendarbeit tätig sind. Entsprechend unterschiedlich waren die Haltungen gegenüber dem Medium. Die Jugendarbeit sei nach Aussage einer Jugendpflegerin nicht mehr ohne das Web zu denken, „weil kaum ein Jugendlicher noch E-Mails liest, sondern nur facebook-Nachrichten“. Zugleich sei gerade in diesem Bereich viel behutsame Aufklärungsarbeit zu leisten.
Die meisten der Anwesenden pflegen, das schälte sich heraus, einen vorsichtigen Umgang mit den ungezählten Möglichkeiten, indem sie sich genau fragen, wo die Grenzen dessen liegen, was sie preisgeben wollen, bis hin zu Einzelnen, die sich generell „raushalten, soweit es geht“, um ihre persönlichen Daten zu schützen.

II.
Im Mittelpunkt der kurzen Vorstellungsrunde stand also die Frage nach der Sicherheit der sogenannten „social communities“. Der Referent lenkte in seinem daran anschließenden einführenden Vortrag den Blick der Teilnehmer zunächst auf die im weltweiten Netz vertretene kulturelle Vielfalt, die notwendigerweise auch unterschiedliche ethische Ansichten mit sich bringe. Es stelle sich die Frage, ob ein globaler Konsens in Fragen der Internetethik möglich sei, so Frühbauer. Zentraler Punkt sei für ihn der Stellenwert der Freiheit und Autonomie, sowohl der eigenen als auch der der anderen. „Wie weit ist mein Anspruch auf Freiheit, d.h. auf Nicht-Regelung berechtigt, wenn es mir z. B. einerlei wäre, was mit meinen Daten passiert?“, formulierte er. Wichtige Voraussetzung für das Nachdenken über die Ethik des Internets sei zudem die Einsicht, dass Ethik, im Gegensatz zum Recht, keine Sanktionsmöglichkeiten habe, sondern auf das freiwillige Tun, und damit auf die Verantwortung der Nutzer angewiesen sei. An dieser Stelle zeige sich die Wichtigkeit eines kompetenten Umgangs mit dem Medium, der besonders Kindern und Jugendlichen zu vermitteln sei, da diese das Web 2.0 in höchstem Maße und oft erschreckend bedenkenlos nutzen würden, argumentierte der Wissenschaftler.

Nach diesen grundlegenden Ausführungen weitete Frühbauer den in der Vorstellungsrunde vornehmlich auf informationelle Selbstbestimmung bezogenen Blick auf die große Zahl an Aspekten aus, die für die Internetethik relevant sind, wobei er sich auf Rafael Capurro und Rüdiger Funiok SJ bezog. Frühbauer nannte u. a. die Informationsgerechtigkeit und das Recht auf informationelle Grundversorgung; das gelte nach seiner Ansicht besonders für Menschen in Entwicklungsländern, die keinen Internetzugang hätten. Darüber hinaus müsse die Frage gestellt werden, ob durch virtuelle Identitäten die Gefahr der Realitätsverzerrung bestehe. Auch die Themen Suchtgefahr; das Urheberrecht; die Beurteilung der Qualität oder des Wahrheitsgehalts von Informationen und schließlich auch die Meinungsfreiheit gegenüber einer Zensur, die z. B. dem chinesischen oder iranischen Regime vorgeworfen werde, seien zu bedenken.

III.
Für den sich anschließenden „Erkundungsgang“ durchs Web 2.0 hatte Frühbauer Links zu einschlägigen Websites ausgewählt, denen die Teilnehmer des Workshops nachgingen. Darunter waren auch solche, die aus ethischer Sicht hochgradig problematisch sind. Neben Aufklärungsseiten über Cybermobbing und Identitätsklau fand sich z. B. eine Seite über Magersucht, die diese Krankheit durch ihre Inhalte (Kalorien-Tagebuch, YouTube-Videos etc.) verharmlost, ja sogar positiv hervorhebt. Ein Blasphemie-Blog, der zur Leugnung Gottes aufruft, erregte bei einer Teilnehmerin bloßes Unverständnis: „Ob man das braucht? Also, ich finde es dumm.“ Eine weitere Seite, die Fotos mit Ekel erregenden Inhalten enthält, steht in Deutschland eigentlich auf dem Index, ist aber trotzdem zugänglich. Im Gespräch mit Anna Schleinzer vom Bayerischen Rundfunk, die an der Veranstaltung teilnahm und Material für einen Beitrag in Bayern 2 Radio sammelte, erzählte eine Teilnehmerin von ihren Erfahrungen mit dieser Seite in ihrem Freundeskreis: „Das war einmal cool und man hat sich solche Fotos geschickt. Ich traue mich ja gar nicht hinsehen. Man müsste solche Seiten sperren, denn Jugendliche sollten so was gar nicht sehen.“ Eher abgeklärt ging ein bereits erfahrener Surfer mit den eigenen Funden um und erzählte von Möglichkeiten, peinliche Inhalte über Menschen ins Netz zu stellen, denen man schaden möchte.

IV.
Mit diesen Erfahrungen stiegen die Teilnehmer dann in die Diskussion ein, in der viele Aspekte des Themas nochmals angesprochen wurden. Darf man etwa Internetseiten sperren, deren Inhalte als ethisch fragwürdig eingestuft werden, oder begibt man sich damit auf das Niveau zensierender Staaten? Auch in dieser Frage der Verfahrensgleichheit wirke unsere moralische Intuition, so Frühbauer. Das Thema wurde auch an diesem Abend durchaus ambivalent gesehen: „Menschen in Ländern ohne Meinungsfreiheit haben durch das Internet große Chancen, ob ihr Blogeintrag nun ethisch korrekt ist oder nicht“, lautete eine Wortmeldung.
Im Unterschied zu den konventionellen Medien kann jeder Nutzer auch Sender werden; eine Kontrollinstanz wie z. B. im öffentlich-rechtlichen Bereich gibt es nicht. Desto größer ist die Bedeutung der persönlichen Medienkompetenz, um Inhalte selbst beurteilen zu können. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass wegen der rasanten Entwicklung des Internets ethische Fragen bisher nicht ausreichend diskutiert werden konnten, wie es bei anderen Medien geschehen ist. „Das Beste ist“, so eine der in der Jugendarbeit tätigen Teilnehmerinnen, „die Jugendlichen ernst zu nehmen, mit ihnen zu reden und ihnen so zu helfen, sich ihre eigene Meinung zu bilden.“
Eine Regulierung des Web 2.0 durch von außen angelegte Regeln erschien den Teilnehmern aufgrund der Unüberschaubarkeit ohnehin nicht durchführbar. Es müsse also auf Selbstregulierungsmechanismen gesetzt werden, indem z. B. in einem Forum auf ethisch fragwürdige Beiträge ein Gegenimpuls aus der Community selbst komme. Ob das ethische Verhalten im Alltag sich auch auf das anonyme Internet übertrage, lautete die kritische Frage Frühbauers. Eine Teilnehmerin zeigte sich zuversichtlich: „Der Großteil der Nutzer wird wohl verantwortungsbewusst sein.“ Und eine andere Teilnehmerin ergänzte: „Auch dank der derzeitigen gesellschaftlichen Debatte.“

Carolin Neuber

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